Diese Artikel ist teilweise eine Erklärung für den letzten, in dem ich erzählt habe, dass ich in die Antarktis auswandere. Mir sind einige Dinge aufgefallen, die mich schon länger stören, mit denen ich aber immer irgendwie klar gekommen bin, beziehungsweise deren Anhängerin ich vermutlich selbst war.
Ich habe vor einer Weile geschrieben, dass ich gerade etwas Probleme mit meinen Neigungen habe, dass es irgendwie nicht mehr so gut klappt wie früher. Dazu kommt, dass ich harten Sex um ehrlich zu sein gar nicht mag. Ich meine das, was Vanillas unter hartem Sex verstehen. Schnell, harte Stöße, vielleicht ein bisschen Haareziehen.. Ich mag es einfach nicht. Es hat eine Weile gedauert, bis ich das herausgefunden habe, aber so ist es. Ich mag keinen harten Sex. Kuschelsex – den ich im Übrigen irgendwie nie hatte – oder BDSM. Ansonsten reizt es mich nicht. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber ich vermute, dass es ein bisschen daher kommt, wie mein Sexleben bisher aussah. Es gab einfach eine große Fixierung auf BDSM.
Und genau dort liegt das Problem. Es gibt in der ganzen BDSM-Szene eine unglaubliche Fixierung auf BDSM, beziehungsweise Sex. Nicht nur ein Thread befasst sich damit, wie unmöglich eine Beziehung zu einem/einer Vanilla ist. BDSMler berichten, wie Beziehungen kaputt gegangen sind, weil sie ihre Neigungen geäußert haben oder wie sie zerbrochen sind, weil sie ihre Neigung nicht ausleben konnten und das Sexleben darunter gelitten hat. Es wird viel über sogenannte Spielpartner und Affären gesprochen, die man sich nur sucht, weil die Neigungen so gut zueinanderpassen, und viele möchten wissen, wie sie einen Partner finden, mit dem sie ihre Neigungen ausleben können.
Leute, im Ernst, warum ist Sex denn so wichtig? Ich denke auch, dass Sex in einer Beziehung eine große Rolle spielt, aber diese Sexfixiertheit außerhalb von Beziehungen stört mich gerade gewaltig. Man lernt Leute kennen und screent sie erst einmal auf ihre sexuellen Vorlieben, bevor man den Menschen dahinter kennen lernt. Denjenigen, die einen Partner suchen, wird immer wieder gesagt: Halte die Augen offen, geh raus auf die Straße, lern Leute erst mal richtig kennen, bevor du nach ihren Präferenzen im Bett siehst. Aber dieselben Leute, die das immer wieder sagen, könnten keinen Vanilla Partner haben. Wir sagen, dass wir vielen Leuten gegenüber offen sind und lernen auch immer neue Menschen kennen – auf Stammtischen und Channeltreffen. Somit ist sofort klar, dass es ein gemeinsames Interesse gibt – BDSM.
Auf der einen Seite finde ich es wirklich gut, dass die SMJG jungen Leuten eine Anlaufstelle gibt, zu der sie kommen können, wenn sie von ihren Gedanken und Wünschen verwirrt sind. Auf der anderen Seite baut sich da ein kompliziertes inzestuöses Gewebe auf, in dem es vor allem um eins geht: Sex. Oder eben nicht Sex, denn “BDSMler haben keinen Sex”.
Auch Vanillas haben Affären. Auch Vanillas reden über Sex. Aber in der BDSM-Szene hat sich diese Diskussion so losgelöst von der Realität, dass es uns immer mehr wie eine Lebensweise scheint, anstatt wie die sexuelle Vorliebe, die BDSM eigentlich ist. Ich rede gern über Sex, sonst würde ich ja wohl auch kaum diesen Blog führen. Und wie gesagt, ich beobachte an mir selbst genau diese Sexfixiertheit. Ohne arrogant klingen zu wollen, kann ich doch sagen, dass ich nicht unbedingt Schwierigkeiten habe, einen Partner zu finden. Und wenn ich dann so überlege, ob ich es drauf anlegen soll, im “Reallife” jemanden zu finden, der möglicherweise von meinen Phantasien abgestoßen ist oder ob ich nicht lieber jemanden nehme, bei dem ich schon weiß, dass unsere Neigungen zueinander passen, dann ergibt sich schon rein logisch eher letzteres. Das gefällt mir aber überhaupt nicht. Man schließt Menschen von vornherein aus, nur weil sich Probleme ergeben könnten, die sich möglicherweise ohnehin lösen, wenn man miteinander redet? Das kann doch nicht sein! Es ist aber so. Was aber viel schlimmer ist, ist dass man sich durch diese Sexfixiertheit selbst zum Sexobjekt reduziert. Männer mögen Sex und sexuell offene Menschen. Es kommt relativ häufig vor, dass sie schon sehr schnell schauen wollen, wie es bei der anderen Seite mit der sexuellen Experimentierfreudigkeit aussieht. Wenn ich nun aber das Thema begeistert aufgreife und ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudere, erwecke ich gerade dadurch, dass ich eine Menge ausprobiert habe, natürlich Interesse – aber eben rein sexuelles Interesse. Mir ist das bisher nie so stark aufgefallen, da ich schon eher nach Sex suche als nach Beziehungen, von daher ist es mir nur recht, wenn es schnell um Sex geht. Aber wenn ich einmal genauer darüber nachdenke, finde ich es doch nicht mehr schön, so auf Sex reduziert zu werden – was aber nur gemacht wird, weil ich mich selbst reduziere.
Ist es nicht viel spannender, auf eine Frage, die sich auf die Sexualität des anderen bezieht, einen vielsagenden Blick zu bekommen und ein “Davon erzähle ich dir vielleicht später einmal.” als direkt mit den intimsten Details überfallen zu werden? Gut, letzteres ist natürlich überzogen, aber an sich versteht ihr denke ich, was ich meine. Wir neigen dazu, das Thema Sex begeistert aufzugreifen. Wir mögen die Provokation, wir mögen das Anders-Sein und wir nutzen jede Gelegenheit, um darüber zu reden, weil wir selbst immer noch und obwohl wir es gut verdrängen unsicher sind, ob das so alles in Ordnung ist. Ich habe festgestellt, dass Menschen, die mit ihrem BDSM komplett im Reinen sind und tief in sich ruhen weniger darüber reden als solche, die immer und immer wieder neues ausprobieren und jedem “Trend” hinterherrennen. Waterboarding, Nadeln, Cellpopping, Cutting und jetzt ist es gerade Rapeplay. Es reicht nicht mehr, die Vanillawelt zu provozieren und stetig zu mehr Toleranz aufzufordern, weil wir ohnehin ein bisschen arrogant von oben auf die “Stinos” hinabschauen, weil unser BDSM ja so viel intensiver ist, als deren Sex je sein kann. Also lassen wir die Vanillas komplett außen vor und fixieren uns noch mehr auf “unsere Welt”, in der Menschen nun nicht mehr nach Kategorien wie Top, Bottom und Switch aufgeteilt werden, sondern danach, wie extrem ihr BDSM ist. Dabei wird eine völlig von der Realität abgehobene Wertung von “normal”, “extrem” und “krank” geschaffen. Spanking ist völlig normal, Nadeln und Rapeplay sind schon ein bisschen extremer und ein Nazifetisch ist krank (wobei ich selbst zugeben muss, bei diesem Fetisch tatsächlich nicht mehr auf “your kink is not my kink, but it’s okay” zurück zu kommen, sondern es tatsächlich einfach nicht verstehe, nicht toleriere und erst recht nicht akzeptiere). Fetische bei Fetlife danach zu benennen, dass Langzeitentführte manchmal mit ihrem Peinigern kooperieren und sympathisieren (Stockholm Syndrom), sie nach einem Strafbestand zu benennen nicht mehr. Wir maßen uns an, entscheiden zu können, was noch okay und was krank ist ohne zu beachten, dass Vanillas alles, was wir machen, für völlig krank ansehen würden. Wir leben einfach in einer völlig anderen Realität, in einer Realität, in der sich alles um Sex dreht. Wir kämpfen nicht mehr darum, toleriert zu werden, sondern wir grenzen uns ab, machen uns über Vanillas lustig und verwehren den “zu extremen” Praktiken jegliche Toleranz. Merkt ihr, wie sehr uns das beschränkt? Und dabei ist es doch nur Sex…
Es ist schade, dass bei Fetlife so viele als “Fetisch” eingetragen haben, dass sie als Mensch gesehen werden und nicht sofort danach bewertet werden wollen, was sie anmacht, aber sich dann trotzdem auf diese Diskussionen über das “Was kann man eigentlich noch tolerieren?” einlassen. Sie steigern sich so sehr hinein, lassen sich von den Trollen den Tag versauen und bewerten letztendlich die Urteilsfähigkeit von Menschen nach deren Fetischen.
Sorry, aber das mache ich nicht mehr mit. Ich finde jetzt meinen eigenen Weg und zwar ganz ohne die Szene. Und wenn ich mich in einen Vanilla verlieben sollte, dann ist das völlig in Ordnung, weil das vermutlich ein ziemlich toller Mensch ist, sonst würde ich mich ja nicht verlieben. Ich will niemanden mehr nur treffen, weil zufällig unsere Neigungen zueinander passen. Ich will nicht mehr auf Sex reduzieren und ich will auch nicht mehr darauf reduziert werden.
Ich plädiere immer noch für Toleranz gegenüber BDSMlern, aber ich hätte es gern, wenn diese Diskussion wieder geführt werden könnte, weil BDSM genauso wie Homosexualität eine Präferenz ist, die einfach nicht wichtig ist, wenn es um die Menschen selbst geht. Dann geht es nämlich nicht darum, welche Praktik nun in Ordnung ist oder nicht, sondern einfach darum, Menschen im Bett machen zu lassen, worauf sie Lust haben. Was das ist will ich meistens gar nicht so genau wissen, denn schließlich ist das auch eine höchst intime und private Sache. Nur in der Szene wird dieses Private plötzlich ans Licht gezerrt und in den Mittelpunkt gestellt, durchleuchtet und bewertet. Dabei ist die Szene eigentlich ein großartiger Halt für die, die sich anders und unverstanden fühlen. Diese Seite geht völlig unter und das finde ich unglaublich schade.
Ich finde nicht, dass man alles tolerieren muss. Auch bei mir ist irgendwo Schluss. Auch ich setze für mich selbst Maßstäbe, was ich noch in Ordnung finde und was zu viel ist. Aber bevor wir diskutieren, wo die Grenzen gesetzt werden, sollten wir uns vielleicht erst einmal selbst kritisch betrachten und überlegen, ob wir tatsächlich unser ganzes Leben so sehr auf Sex fixieren wollen. Ich will es jedenfalls nicht und deswegen halte ich mich jetzt erst einmal aus der Szene fern. Ich möchte Leute kennen lernen, ohne zu wissen, worauf sie im Bett stehen. Ich möchte, wenn sich dann doch herausstellen sollte, dass sie auf BDSM stehen, nicht sichergehen, dass sie auch “auf nichts total Krankes” stehen. Ich möchte einfach nur Menschen auf der selben Augenhöhe begegnen und sie kennen lernen. Zum Sex kommt es noch früh genug.








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