Als ich ein Kind war, waren die Tage unendlich lang, und wenn ich mich jetzt zurückerinnere, war es immer Sommer und es waren immer Ferien. Ich war nie eine Prinzessin. Ich wollte auch nie eine Prinzessin sein. Viel lieber habe ich mich mit den Kindern aus der Nachbarschaft geprügelt und bin in der Wildnis nahe unserem Haus herumgestriffen, bis es Abendessen gab. Dementsprechend waren meine Knie ständig aufgeschlagen, meine Hosen hatten Grasflecken und in meinen Haaren hingen Kletten. Nein, ich war definitiv keine Prinzessin.
Bei Fetlife kann man eingeben, nach was man gerade auf der Suche ist, und unter anderem ist “Princess by day, slut by night” eine Option. Ich finde das Konzept wunderschön, weil es für mich der Inbegriff des BDSM ist. Stellt euch ein Paar vor (ich habe da eines vor Augen, das gerade zwei Jahre zusammen ist – herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle!); äußerlich größtenteils dem entsprechend, was weitläufig als “normal” angesehen wird, sie eine hübsche, etwas zurückhaltende Studentin, er ein zuvorkommender, höflicher junger Mann, der ihr die Tür aufhält und sie mit diesem besonderen Blick ansieht, der zeigt, wie gern er sie hat. Von außen würde man denken, dass sie einfach ein ganz normales gleichberechtigtes Pärchen wären, und in einer gewissen Weise sind sie das auch. Nie würde man denken, dass es ihm Spaß bereitet, sie zu quälen, nie, dass sie es genießt, ihm zu dienen. Er trägt sie auf Händen und gleichzeitig unterwirft er sie. Er macht ihr Komplimente und wenn sie spielen, erniedrigt er sie mit seinen Worten. Das ist für mich BDSM. Es ist ein Spiel, und selbst wenn ihr Machtverhältnis ständig vorhanden sind, so haben sie doch beide in wichtigen Entscheidungen Mitspracherecht und wissen, dass sie vor allem Menschen sind.
Ich zeige in der Semiöffentlichkeit (sprich: wenn man unter weiteren BDSMlern oder zumindest Eingeweihten ist) ungern, das ich Sub bin. Ich bin sehr schnell darin zu betonen, dass ich switche – und das ist eigentlich traurig, denn dieses Verhalten habe ich mir angeeignet, weil mir bei Gesprächen mit zu vielen Männern schnell klar wurde, dass sie, selbst wenn sie selbst gar nicht direkt die Intention haben, mich unterschwellig als Sub betrachten. Natürlich ist mir klar, dass wenn man sich mit BDSMlern trifft, man erst einmal glücklich ist, Leute um sich zu haben (über die Sexualisierung von Menschen habe ich hier schon einmal geschrieben), mit denen man offen reden kann, aber dennoch spielt mir – wie gesagt leider vor allem bei Männern – zu oft die Stellung, die ich manchmal im Bett einnehme, zu sehr ins Gespräch mit hinein.
Es mag sein, dass ich überempfindlich bin, aber mir sind kleine Bemerkungen, die auf meine Rolle (die ich ja selbst beim Spiel nicht einmal immer einnehme) anspielen, wirklich unangenehm. Wenn ich jemanden herausfordern ansehe, muss ich mir dann wirklich von einem anderen Top erzählen lassen, dieser Blick sei “unangemessen” gewesen? Wenn ich auf einen Stammi in einer anderen Stadt eingeladen werde, muss dann wirklich noch erwähnt werden, sie bräuchten dort “Subverstärkung”, weil alle nur Switcher seien? Muss ich mich beleidigen lassen mit den Worten “du stehst doch eh drauf”? Muss ich mir, wenn ich wegen Post-Spiel-Schmerzen jammere, erzählen lassen, ich würde das doch genießen?
Treffe ich einfach die falschen Leute, lege ich es darauf an, reagiere ich über, ist das “eben so”, wenn man sich trifft und die eigene Sexualität mehr oder weniger offen legt oder sind viele Männer einfach tatsächlich so respektlos? Ich mag mit dieser Frage vielen Unrecht tun und darüber bin ich froh, denn es zeigt, dass es auf jeden Fall auch anders geht. Dennoch würde ich wirklich gern wissen, woran es liegt, dass ich mir ständig dumme Sprüche anhören muss (was übrigens einer der Gründe ist, aus denen ich mich aus der Szene erst zurückgezogen habe und mich dort nun nur sehr vorsichtig bewege).
Ich bin vor allem Mensch, und so sehr das gerade im Forum der SMJG und in den Fetischlisten bei Fetlife betont wird, was ich wirklich gut finde, so wenig sehe ich es in den tatsächlichen, realen zwischenmenschlichen Interaktionen. Im realen Leben möchte ich Prinzessin sein, ich möchte respektiert und beschützt werden. Ich renne nicht mehr in der Wildnis herum. Meine Knie sind selten blutig, meine Haare meist klettenfrei. Ich bin (ein bisschen) erwachsen geworden und ich möchte wie eine Lady behandelt werden. Im Bett darf das gerne ganz anders aussehen.
Vielleicht bringt die Szenenbewegung die Sexualität einfach (für mich) zu sehr ins reale Leben. Aber wir können ja zum Glück selbst entscheiden, mit was für Leuten wir uns umgeben möchten und versuchen, die Idioten einfach zu ignorieren. Alle lieben Menschen dürfen sich hiermit angesprochen und ganz fest umarmt fühlen. Ich bin froh, dass es euch gibt. Und jetzt gerade bin ich ganz besonders froh über denjenigen, der mich “Prinzessin” nennt und mich damit zu diesem Artikel inspiriert hat.















![IMG_0387[1] IMG_0387[1]](http://www.sexintheair.de/wp-content/uploads/2012/02/IMG_03871-70x70.jpg)








Letzte Kommentare