Beziehungen

Verliebtheit und Beziehungen sind etwas wunderschönes. Da ist jemand, der für einen da ist, dem man wichtig ist, den man vielleicht sogar liebt und von dem die Liebe erwidert wird. Beziehungen sind rein egoistisch; man ist mit dem Partner zusammen, weil es einem dann gut geht und wenn es sich gerade so trifft, dass es dem anderen genauso geht, ist alles wunderbar. In jungem Alter sind Partnerschaften meiner Meinung nach einfach nur da, damit man ausprobieren kann, was einem gefällt. Dennoch lassen wir uns viel zu sehr davon herunterziehen, wenn eine Beziehung nicht so läuft, wie man es sich dachte. Ich glaube, dass wir in jungen Jahren Beziehungen manchmal mehr Gewicht zuschreiben, als sie eigentlich haben müssten. Es gibt viele Menschen, die in ihrer Partnerschaft unglücklich sind und sie trotzdem nicht beenden können oder die unglaublich eifersüchtig sind und damit die Beziehung zerstören. Menschen entlieben sich, entwickeln andere Interessen als der Partner, trennen sich und hinterlassen gebrochene Herzen. Das müsste alles eigentlich gar nicht so extrem sein, aber wir haben – so denke ich – alle das Bild der perfekten, ewig dauernden Liebe vor Augen und sind enttäuscht, wenn die Realität sich der Illusion nicht annähert.

Doch wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet eben zum Berg gehen. Sprich: Wenn die Realität nicht so ist wie unsere Illusion der wahren Liebe, müssen wir vielleicht unser disneygeprägtes Bild etwas anpassen. Max Frisch schrieb in seinem Tagebuch (1946-1949), dass Beziehungen sehr oft in die Brüche gehen, weil wir glauben, nun die Realität gefunden zu haben, zu wissen, wer der andere ist.

Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes Mal, aber Ursache und Wirkung liegen vielleicht anders, als wir anzunehmen versucht sind – nicht weil wir das andere kennen, geht unsere Liebe zu Ende, sondern umgekehrt: weil unsere Liebe zu Ende geht, weil ihre Kraft sich erschöpft hat, darum ist der Mensch fertig für uns. Er muss es sein. Wir können nicht mehr! Wir kündigen ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei. „Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte, „wofür ich dich gehalten habe?“. Und wofür hat man sich denn gehalten? Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.

Ich glaube, dass nicht nur falsche Vorstellungen von der Liebe die Paare auseinandertreiben, sondern sehr viele Beziehungen in die Brüche gehen, weil die Partner glauben, der andere hätte ihnen nichts mehr zu bieten. Es wird langweilig, man macht sich auf die Suche nach Neuem. Klingt das nicht unglaublich brutal? Und kann man einen Menschen überhaupt wirklich kennen?

Die Vorschau zu einem Film zeigt nur winzige Ausschnitte, und doch meint man, danach einschätzen zu können, ob er einem gefällt oder nicht. Man glaubt nur zu oft, auch einen Menschen, den man schon lange kennt, einordnen zu können.
Doch eine Person ist ein Mosaik aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Manchmal sind die schönsten Teile weit unten in irgendeiner Ecke versteckt, manchmal schillern sie hervor in den blühendsten Farben. Will man eine Person kennen lernen, muss man oft tief graben und dabei manch schlafende Hunde wecken. Nur wer sich auf diese Reise in die Seele einlassen möchte und von dunklen Stellen nicht abgeschreckt wird, verdient es, “Freund” oder “Partner” genannt zu werden. Und doch: Eine Person zu kennen bedeutet nicht, ihre Gefühlsregungen immer nachvollziehen zu können, denn man ist schließlich nicht diese Person und somit kann man sie überhaupt nicht vollständig kennen (mal davon abgesehen, dass sich viele Menschen selbst nicht kennen).

Warum aber glaubt man, jemanden zu kennen? Warum macht man sich “ein Bildnis”, wie Max Frisch sagt? Wir Menschen wollen verstehen, das scheint ein natürlicher Drang zu sein. Wir wollen nachvollziehen, wie etwas funktioniert – und diese Wissenschaftlichkeit passt mit zwischenmenschliche Interaktionen einfach nicht zusammen. Wer das einsieht, wer weiß, dass es an jedem Menschen immer und immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt und wer dazu bereit ist, immer und immer wieder auf Entdeckungsreise zu gehen – der kann eine gute und lang anhaltende Beziehung führen.

Beziehungen können nur bestehen, wenn beide Partner viel Arbeit und Energie hineinstecken und gleichzeitig die Gefühle nicht vernachlässigen. Vor allem ist Kommunikation von Nöten – und manchmal auch einfach ein Streit. Ich bin der Überzeugung, dass man im Streit die wahre Persönlichkeit eines Menschen erkennt und dass man Streiten lernen sollte. Fair, angemessen und nicht verletzend Kritik zu geben ist lernbar.

Und wenn es immer nur zu Streit kommt und es keine schönen Zeiten mehr gibt? Dann ist es vielleicht besser, die Beziehung zu beenden. Auch angemessen Schluss zu machen kann man lernen.

Viele Streits können meiner Meinung nach auch vermieden werden, wenn sich einfach die richtigen Partner treffen. “Gegensätze ziehen sich an” gilt längst nicht mehr; Gemeinsamkeiten schaffen nicht nur Gesprächsstoff beim ersten Treffen, sondern auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl während der ganzen Partnerschaft. Wichtig ist aber, darauf zu achten, dass kein Abhängigkeitsverhältnis beim Hobby zustande kommt. Um das klarer darzustellen: Mein Partner und ich üben den selben Sport aus und bereiten uns gemeinsam auf eine wichtige Prüfung vor. Wir brauchen zur Ausführung der Prüfungsanforderungen den jeweils anderen. Wenn wir aber gerade Probleme oder einen Streit haben, können wir einfach nicht gut miteinander trainieren. Das ist nun so und wir müssen damit zurechtkommen, aber ich möchte jedem empfehlen, sich so etwas nicht zu konstruieren.