Innere Konflikte einer BDSMlerin

Gestern war wieder so ein Tag, an dem ich mich gefragt habe, warum ich das alles eigentlich mache. Warum bei mir “harter Sex” noch etwas weitläufiger definiert ist als in den meisten Fällen. Warum ich kein “normales” Sexleben habe. Mein Partner sagt, ich hätte keins, weil ich eigentlich gar keins wolle. Weil ich eben auf spezielle Praktiken stehe.

Das Problem ist, dass ich das gar nicht immer tue. Manchmal ist in mir die perfekte Sklavin, die nur noch dienen und für ihren Herrn leben will, manchmal eine Rebellin, die nicht versteht, wie man sich jemandem unterwerfen und Schmerz genießen kann und meistens irgendein Zwischending, das ab und zu ganz schön verwirrt ist. Wie kann ich freiwillig meine Hand hinhalten, um gefesselt zu werden?

Wie kann ich mich freiwillig in einigen Bereichen kontrollieren lassen? Warum kann ich nicht einfach masturbieren, wann und wie oft ich will, ohne dass ich ab und zu das Bedürfnis danach habe, darum zu bitten oder dafür bestraft zu werden, nicht darum gebeten zu haben? Wie kann ich eine Strafe in meinem tiefsten Inneren doch genießen, obwohl Schläge auf meine Oberschenkel einfach nur so verdammt weh tun, dass selbst mein Körper kein Gefühl der Befriedigung mehr zeigt? Ich meine – Kuschel-BDSM ist ja in Ordnung, das machen so viele, aber warum mag ich manchmal die noch härtere Variante? Und warum manchmal nicht? Ab-und-zu 24/7 ist doch total paradox, das geht nicht!

Und um das Essentielle zusammen zu fassen: Wer bin ich?

Diese Existenzfrage stellt sich glaube ich jeder BDSMler ab und zu. Ich habe die Phase am Anfang übersprungen, weil ich sofort Leute getroffen habe, die wie ich ticken, aber jetzt kommt sie langsam doch durch, weil ich meine Neigung weiter untersucht und Aspekte gefunden habe, die mir nicht gefallen. Aber irgendwie dann doch. Ist das krank? Der verdammte ICD-10 sagt, ja. Störung der Sexualität. Ich sage in meinen Hochphasen Nein. Individuelle Bedürfnisse und im Übrigen ja sowieso einvernehmlich. Aber was, wenn ich mich nach Uneinvernehmlichem sehne? Nach dem absoluten Consensual-Noncon (denn wenn ich mich danach sehne, ist es ja nicht nur Noncon)? Was sind das für Gedanken? Darf ich die haben?

Ja. Darf ich. Ich darf sowieso alles, solange ich die Konsequenzen tragen kann. Das gilt im Leben wie auch in meiner BDSM-Beziehung. Und deswegen bin ich doch stolz darauf, anders zu sein. Besonders. Ich kann immer noch frei entscheiden und so lange ich das kann, bin ich ich selbst, bin ich Mensch. Da kann kein ICD-10 etwas dran rütteln.

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Comments

  1. Yice says:

    Hehe ja diese Gedanken konnte ich nie los werden. Ich versuche einfach nicht drüber nachzudenken weil diese Gedanken das ich dies alles mehr oder wenieger freiwillig tuhe, alle stimmung zu nichte machen.
    Ich möchte nicht “spielen” oder nur so tun als ob.
    Wenn mein Owner mich anfassen kann, machen kann was er grade will, auch nur den kleinste anregung wie einfach mal mir am Ohr ziehen oder auf die nase stubsen oder einfach Hände auf den Rücken binden, ohne sich dabei zu fürchten wie ich reagieren könnte, ohne angst zu haben und sich nicht zu trauhen mich zu berühren, ohne fürchten zu müssen sie könnte etwas versauen oder etwas falsch machen, sondern es einfach tut und es dann genießt und dabei von INNEN her lächelt und nicht ein aufgesetztes lächeln einer zb Domina aufsetzt. DAS ist das schönste für jemanden wie mich. Auch wenn ich eventuell in diesem moment es zu tiefst verfluche si gelassen zu haben :-)

  2. Tristan says:

    Dieses Gefühl, an alles ein Etikett hängen zu machen, ist unter manchen Menschen ziemlich verbreitet. Vielleicht fühlen sie sich unglücklich, wenn ich es nicht tue.

    ich mache jede meiner Entscheidungen davon abhängig, ob die mich mittelfristig glücklicher macht – und nichts ist so dynamisch wie das Leben. Das darf und soll es doch auch sein.

    Wenn du an einem Abend deine Selbstbestimmtheit in die Hände eines Anderen legen magst – warum solltest du es nicht einfach tun, ohne dir überlegen zu müssen, ob du damit noch den Erwartungen, die eine Schublade, in die du dich einmal gesteckt hast, mit dir verknüpft, gerecht wirst?

  3. Blue says:

    Außerdem – und das ist ganz wichtig – der ICD-10 ist wahrhaftig nicht die Bibel! Vieles darin ist veraltert, überholungsbedürftig oder schlicht der Realität nicht stand haltend!

    • Samya says:

      Und dennoch sollte man einem Arzt nichts von seinen Neigungen erzählen, weil der einen Eintrag in die Krankenakte machen könnte und die Krankenkasse sich dann – völlig zu Unrecht – häufiger weigern könnte, eine Behandlung zu zahlen.
      Für alle: Für diesen Fall gibt es übrigens Mayday-SM; dort kann man sich nach Ärzten umsehen, die dem Thema positiv oder neutral gegenüber stehen.

  4. Nightbloom says:

    In diesem Bereich habe ich, um ehrlich zu sein, noch keine Erfahrungen gesammelt. BDSM-artige Phantasien, wenn ich sie mal so betiteln darf, hatte ich allerdings schon. Vielleicht aber nur ansatzweise.

    “Wer bin ich?” Da kann ich nur mit <> antworten ;) ! Dieser Ansatz ist dann im Übrigen wieder ein weite(re)s Feld.

    Schöne Grüße

  5. Verwirrend und doch nachvollziehbar :)
    Also ich habe in dem Bereich auch noch nicht so die Erfahrung, aber ich weiß das mir gewisse Sachen doch sehr gefallen. Da ist noch eine Ausprobierphase angesagt würde ich mal sagen. Aber ist doch auch nicht schlecht wenn man auch mal nicht die Sklavin ist. Wenn man nicht jeden Tag diese Rolle übernimmt.

  6. Gruppenkind says:

    Noch ein interessanter Artikel, verdammt…das wars wohl mit dem Schlaf für heute.

    Ich kann ich hier mal als das komplette Gegenteil outen.
    Ich weiß zwar schon sehr lange was ich bin und was ich eigentlich will, lange bevor ich Menschen gefunden habe die so ticken wie ich, lange noch bevor ich dam ganzen einen Namen geben konnte, ich habe es lange Jahre verdrängt, in eine Ecke geschoben und vergraben. Es ist immer wieder durchgebrochen, hat sich an die Oberfläche gekämpft nur um wieder weggestoßen zu werden.
    Nach einigen Jahren habe ich dann angefangen mich damit zu beschäftigen, habe die SMJG gefunden und das Forum, habe dort lange als Besucher nur mitgelesen ohne mich anzumelden. Habe den Link zum Forum immer wieder aus meinen Lesezeichen gelöscht und es verdrängt. Wenn mein Hirn mir mal wieder gesagt hat, das es krank wäre sowas toll zu finden.
    Irgendwann habe ich mich dann angemeldet, mich intensiver damit auseinandergesetzt was ich und wie ich bin. Bin zu Stammtischen gegangen, was elendig viel Überwindung gekostet hat, weil es ein wenig das Eingeständniss war, das ich nicht “normal” bin.
    Habe Leute kennengelernt die so ticken wie ich, habe erste Erfahrungen gesammelt und habe festgestellt: “die sind ja ganz normal.”
    Es hat lange gadauert zu akzeptieren das ich bin wie ich bin, aber jetzt kann ich aufstehen und ohne Scheu, Angst, Reue, oder irgendeine Form von Ekel sagen:
    “Ich bin pervers und es geht mir gut damit.”
    Ich habe seitdem ich das für mich akzeptiert habe nie wieder irgendeine Form von Gedanken gehabt das es nicht normal ist was ich tue.
    Dafür fühlt es sich zu gut an.

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